Einleitung

Der vorliegende Band stellt eine Reihe von Texten vor, die im Rahmen von ‚Aktionstagen gegen Rassismus in den Medien‘ im Jahre 1993 entstanden sind oder die dabei hervorgetretenen Probleme reflektieren und versuchen, die dort geführten Diskussionen weiter voranzutreiben. Innerhalb des Themenkomplexes ‚Rassismus in den Medien‘ wird dabei zum einen die Frage untersucht, welche Rolle (Massen)medien bei der Produktion und Reproduktion von Rassismen zukommt. Zum anderen kommt die Problematik des Verhältnisses von linker antirassistischer Politik und bürgerlichen Medien zur Sprache. Schließlich finden sich Texte, die über das engere Thema ‚Medien und Rassismus/Antirassismus‘ hinausgehend theoretische und praktische Fragen hinsichtlich des Umgangs der Linken mit Medien und Kommunikation allgemein zum Thema haben. Es handelt sich dabei nicht nur um Texte aus unserer Feder, sondern auch um Überlegungen von befreundeten Initiativen und Gruppen.

Warum nun diese Beschäftigung mit den Medien? Warum sehen wir die Auseinandersetzung mit den bürgerlichen Massenmedien (und das nicht nur in Bezug auf die Frage nach antirassistischen Strategien) als ein wesentliches Problem linker politischer Praxis? Angesichts des Mainstreams der gegenwärtigen intellektuellen Diskurse scheint sich die Frage zu erübrigen: Offensichtlich ist das Thema ‚Medien‘ dort gegenwärtig ausgesprochen ‚hip‘. Allerdings können wir mit jener Art von Medientheorie ziemlich wenig anfangen, in der ‚postmoderne‘ TheoretikerInnen allerorts das Ende jeglicher nicht-medialer Realität beschwören, also der Welt außerhalb der Bildschirme tendenziell jede Bedeutung absprechen. Ganz gleich ob medienenthusiastisch oder ‚medienkritisch‘, die Welt der totalen Simulation wird dabei entweder rosarot oder tiefschwarz, immer aber in grellen Farben an die Wand gemalt. Die Tatsache, daß offensichtlich außermediale Realitätsebenen existieren, wird dabei nur zu leicht verdrängt. Dadurch bleibt die Gretchenfrage, wie dieselben die Medienrezeption bestimmen, also die Art und Weise, in der die KonsumentInnen mediale Informationen aufnehmen und mit diesen umgehen, von vorneherein ausgeklammert. 

In ausgesprochenem Kontrast zur postmodernen Medienkirmes zeigen sich radikale Linke ‚altmodisch‘ und in ihrem Umgang mit dem Thema oft genug bestenfalls indifferent. Aus der Tatsache, daß sich Medienfragen offensichtlich in der Sphäre des Ideologischen verorten lassen, ziehen nicht wenige Linke – ganz gleich, ob es um Rassismus in den Medien oder andere Fragen geht – schnell den Schluß, die Medien seien ja wohl nicht der Kern des Problems. Auf der Suche nach dem materiellen, ‚eigentlichen Kern‘ der gesellschaftlichen Verhältnisse werden derart triviale Erscheinungen wie das mediale Hintergrundrauschen dann nur zu leicht für schlicht nebensächlich erklärt. In denkbar krassem Gegensatz zur Endzeitprophetik des Zeitalters der totalen Simulation werden die Medien gleich völlig außen vor gelassen. Dabei wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Für die TheoretikerInnen gesprochen: Aus der theoretischen Auseinandersetzung mit ökonomischen und sozialen Phänomenen außerhalb der Medienwelt erscheint es uns eine falsche Konsequenz, letztere für ‚Oberfläche‘, der ‚Erscheinungsebene‘ zugehörig und damit im Grunde als irrelevant anzusehen. Daß die Frage nach dem ‚eigentlichen Kern‘ der gesellschaftlichen Verhältnisse, welche die Vernachlässigung der dazuzudenkenden ‚uneigentlichen Hülle‘ von vorneherein beinhaltet, einigermaßen danebenliegt, läßt sich, nebenbei gesagt, schon bei einer Konfrontation dieser Art von Denken mit dem Marxschen Basis-Überbau-Konzept verdeutlichen. Wird eine derartige Suche nach dem archimedischen Punkt der Theorie auf ihre praktische Relevanz hinterfragt, so kommt nicht viel mehr zum Vorschein als jener alte Aberglauben der Linken, ‚die Wahrheit werde sich letztlich schon durchsetzen‘, die richtigeren Analysen allein seien bereits Garant einer ‚richtigen‘ politischen Praxis. Eine solche Betrachtungsweise blendet tendenziell die Frage aus, wie denn politische Analysen gesellschaftliche Wirksamkeit entfalten könnten. Auch wenn das ‚Praxisargument‘ mit Vorsicht zu genießen ist, weil es häufig als diskursiver Totschläger ins Feld geführt wird, kommen wir um diese Fragen nicht herum: Wo, wenn nicht auf dem ideologischen Feld, können eigentlich derzeit gesellschaftliche Auseinandersetzungen konkret geführt werden? Wie könnte eine Praxis aussehen, die sich nicht auf dieses Feld bezieht, also nicht mit der Frage nach der symbolischen Vermittlung von sozialen und politischen ‚Inhalten‘ konfrontiert ist? 

Der Umgang der Linken mit den Medien bildet zwar offensichtlich nur einen Aspekt der Probleme, denen wir uns derzeit gegenübersehen. Er stellt jedoch eine konkrete Annäherungsmöglichkeit an den allgemeineren Fragenkomplex dar, wie ideologische Prozesse gegenwärtig ablaufen und wie dieselben beeinflußt werden könnten. Und in diesem Bereich hat die Linke unserer Meinung nach derzeit ein deutliches Manko und einen dringenden Bedarf an theoretischen wie praktischen Konzepten.

Um dieses Defizit zu verringern, erscheint es zu allererst einmal notwendig, einen differenzierteren Umgang mit Fragen des ‚ideologischen Überbaus‘ zu entwickeln. Es gilt, der Polarität von tendenziell ökonomistischen Sichtweisen einerseits und der Vorstellung einer Gesellschaft der totalen Simulation andererseits zu entkommen. Einen möglichen Ansatzpunkt hierzu bilden die theoretischen Erkenntnisse über die Verfaßtheit komplexer bürgerlicher Gesellschaften, wie sie Antonio Gramsci aus der marxistischen Gesellschaftstheorie entwickelt. Im Rahmen der Überlegungen, warum die Revolution im feudalen Rußland erfolgreich war, nicht aber in den bürgerlichen Gesellschaften Europas, entwickelt er das Basis-Überbau-Modell weiter. Gemäß seiner Theorie der ‚società civile‘ werden wesentliche politische Machtpositionen und -konstellationen auf der kulturellen Ebene ausgehandelt. Er besteht darauf, daß die wirkliche Stärke des bürgerlich-kapitalistischen ‚Herrschaftsblocks‘ eben nicht nur in der von der herrschenden Klasse ausgeübten Gewalt liege, sondern vor allem in der in zentralen Punkten bestehenden Übereinstimmung der Beherrschten mit der Weltanschauung der Herrschenden (also in dem, was Gramsci als die kulturelle Hegemonie bezeichnet). Im übrigen hat gerade die Geschichte der gescheiterten realexistierenden sozialistischen Staaten vor Augen geführt, daß die Erringung der politischen Macht sich mitunter zunächst als ein technisches Problem darstellen mag, ihre Erhaltung jedoch nur über die Erringung der Hegemonie in der Gesellschaft gelingen kann. Andernfalls verliert die Linke dieselbe wieder oder wird despotisch. Oder beides. 

Die kulturelle Hegemonie bildet eine wesentliche Voraussetzung bürgerlicher Herrschaft. Sie stützt sich auf das Bestehen eines Konsens über die zentralen gesellschaftlichen Werte und Normen, wie auch über die in einer konkreten Situation als relevant definierten sozialen oder politischen Probleme und die entsprechenden Lösungsstrategien. 

Die Grundlagen für diesen Konsens werden in den kapitalistischen Gesellschaften auf vielfältige Weise gelegt. Im Betrieb, im Verein, in der Schule und in der Familie. Angesichts der Widersprüche der kapitalistischen Ordnung, wie sie sich gegenwärtig in der Zuspitzung der Welthungerordnung und in der Verschärfung der ökonomischen Krisendynamik zeigen, muß der Konsens über ‚das Beste aller möglichen Gesellschaftssysteme‘ ständig neu hergestellt bzw. aufrechterhalten werden.

 

Diesen Prozeß, den Noam Chomsky ‚manufacturing consent‘ nennt, zu stören und zu unterlaufen, ist notwendige Bedingung für ein Infragestellen der derzeitigen kapitalistischen kulturellen Hegemonie. Und darin liegt – auch wenn es sich angesichts der gegenwärtigen Verfaßtheit der Linken einigermaßen großmäulig anhört, wenn unsererseits von einer Erlangung der kulturellen Hegemonie die Rede ist – eine notwendige Voraussetzung nicht nur für eine grundlegende Umwälzung der herrschenden Verhältnisse, sondern bereits für eine Bekämpfung ihrer schlimm-sten Auswirkungen, welche sich im Zuge der gegenwärtig ablaufenden ‚Transformation der Demokratie‘ auch in den kapitalistischen Zentren in verschärfter Weise zeigen.

Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Medien. Als Bindeglied oder Schnittstelle zwischen Staat und Gesellschaft spielen sie eine ganz zentrale Rolle für die Produktion und Vermittlung der hegemonialen Weltanschauung, indem sie den gesellschaftlichen und kulturellen Konsens immer neu reproduzieren und vervielfältigen. Somit sind sie ein wesentlicher Bereich, in dem der Angriff auf den Konsens erfolgen kann.

Wer sich auf die mediale Ebene begibt, wird damit zwar nicht die ‚letzte Schlacht gewinnen‘, aber dort lassen sich zumindest nicht unwesentliche Voraussetzungen dafür schaffen, daß wir ein bißchen besser für künftige Anstrengungen gerüstet sind. Allerdings existieren kaum Antworten auf die Frage, wie eine erfolgversprechende linke Praxis in diesem Bereich aussehen könnte. Bei einer Betrachtung des Umgangs des linken Mainstreams mit den Medien zeigt sich jedenfalls eine Kontinuität der Ratlosigkeit. Schon seit der Anti-Springer-Kampagne Ende der 60er Jahre schwankte die Linke zwischen der grotesken Überschätzung medialer Macht und Manipulationsmöglichkeiten einerseits und naiven Vorstellungen hinsichtlich der Wirkungskraft ‚wahrer‘ Informationen und ‚richtiger‘ Überlegungen und Analysen andererseits. Entweder wird Manipulation durch die bürgerlichen Massenmedien als universell und nicht unterlaufbar angesehen, woraus sich leicht eine Haltung der vollständigen Wurstigkeit im Umgang mit denselben ableiten läßt (‚die schreiben ja doch eh, was sie wollen‘), oder aber es wird, in jener naiven ‚aufklärerischen‘ Sichtweise, wie sie für die Alternativzeitungen typisch war, davon ausgegangen, es sei ausreichend, auf schlecht geschriebenen Flugblättern nur die ‚richtigen‘ Informationen unter die Leute zu bringen.

Wir ließen uns bei der Auswahl und beim Schreiben der folgenden Texte von der Fragestellung leiten, wie dieses Dilem-ma aufzulösen ist, wie sich aus den Erfahrungen der letzen Jahre vielleicht Ansätze für einen neuen politischen Umgang mit medialer Kommunikation entwickeln lassen. Wie könnte ein offensiver Umgang mit Formen der medialen Kommunikation aussehen, der sich nicht auf Versuche beschränkt, in einer vergeblichen Geste die ‚richtigen‘ Informationen gegen das Getöse der bürgerlichen Medien zu behaupten?

Es ist offensichtlich, daß wir zu diesem Problem allenfalls einige Ansätze, keinesfalls aber befriedigende Lösungen anbieten können. Wichtig ist uns aber die Richtung, in die gedacht werden kann. Aus der richtigen Annahme, daß der Linken verstärkte theoretische Reflexion dringend nottut, wird derzeit nur allzuleicht die Schlußfolgerung gezogen, ein ‚wirkliches‘ theoretisches Verständnis kapitalistischer Gesellschaften auf der Ebene formaler und reduktionistischer Theoriebildungen zu suchen. Theorien aber, deren einziger denkbarer Wert darin besteht, daß die TheoretikerInnen zuletzt mit besserwisserischer Geste darauf hinweisen können, mal wieder recht gehabt zu haben, erscheinen uns als schlicht irrelevant. 

Unser Anliegen ist es, weder den Rückzug in die isolierte Welt eines Theoriegebäudes anzutreten, noch durch unhinterfragten Aktionismus die eigentlichen politischen Ziele aus den Augen zu verlieren. Wir sehen theoretische Reflexion als Voraussetzung für eine subversive politische Praxis an, und auf der anderen Seite haben unsere Erfahrungen aus verschiedenen konkreten Aktionen wiederum die Theoriebildung beflügelt. Denn Subversion erfolgt nicht aus einer zahlenmäßigen Überlegenheit oder einer starren Theorie, sie lebt zugleich aus der Unberechenbarkeit, Wandelbarkeit und Vielfältigkeit von Aktionsformen und -feldern. 

 

autonome a.f.r.i.k.a-gruppe
 
 
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