WWW.contrast.org - Netzexil und Netzaktion in Holland

Das internationale Datennetz macht keinen Halt vor nationalen Zensurbestimmungen. Die diesbezueglichen Gesetzgebungen der an das Netz angeschlossenen Staaten fallen sehr unterschiedlich aus. Mancherorts gelten die Schriften des Dalai Lama als subversiv und kriminell. Anderswo schaetzt man die Romane von Salman Rushdie nicht besonders. Hierzulande haben Worte wie "klammheimliche Freude" schon fuer einigen Wirbel gesorgt. Hingegen wird in den USA, dem Ursprungsland des Internet, die Freiheit der Rede - einschliesslich allerseltsamster Reden, so sie nicht anzueglich oder sonstwie schmuddelig sind - durch die Verfassung garantiert. Als Faustregel zur Ermittlung des im Internet praktisch gueltigen Redefreiheitsgrades gilt: das freizuegigste nationale Rechtssystem bestimmt den oberen Richtwert des netzweiten Massstabes. Interneter und ihre Ideen, die in restriktiveren Staaten der Zensur unterliegen, finden im Netz Ausweichmoeglichkeiten ueber Netzserver, die in liberaleren Laendern lokalisiert sind. Seit einigen Monaten bietet eine neue Site in Holland Fluchtmoeglichkeiten fuer anderswo verfolgte Netzprojekte, Informationen und Kampagnen. Contrast.org bietet aber nicht nur Zuflucht fuer manche Netzheimatlose, sondern verfolgt auch eigene politische Ziele. Zu der Gruppe von Amsterdamern, die Contrast.org gegruendet haben, gehoeren die Filmemacherin und Mitarbeiterin bei De Digitale Stad Nina Meilof und die Journalistin Eveline Lubbers, Mitglied von Janssen & Janssen. 

nlmeilof@dds.nl, evel@xs4all.nl

Frage (Sabine): Im Internet gibt es jede Menge Meinungsfreiheitsfundamentalisten, die aus Prinzip allen und jeden Quark, wenn er nur irgendwo verboten ist, kopieren und ins Netz stellen. Ist das bei Contrast.org auch so, oder habt ihr aufgrund eurer eigenen politischen Ausrichtung Auswahlkriterien fuer die Gewaehrung von Netzasyl? 

Antwort (Nina): Nicht alle Daten, fuer die eine Zuflucht gesucht wird, erhalten bei Contrast.org Asyl, vielmehr nur solche, die wir fuer wichtig halten. In manchen Faellen geht es auch gar nicht darum, Daten bei uns zu spiegeln, sondern zu helfen, einen geeigneten Platz fuer diese Netzinhalte zu finden, der ja nicht immer Contrast.org sein muss. Oder es geht um Wege und Moeglichkeiten fuer Informationen und Aktivitaeten ausserhalb des Netzes. Das Internet ist nicht der einzige Ort und das einzige Mittel fuer unsere Aktionen und Kampagnen. 

(Sabine fragt:) Bietet das niederlaendische Recht ausreichend Raum fuer ein Projekt wie Contrast.org? 

(Nina antwortet:) In den Niederlanden gibt es einen vernuenftigen Dialog zwischen Politikern und Internetprovidern. Ein Projekt wie Contrast.org findet genuegend Freiraum. Wir machen nichts, was illegal waere. Aber in dem wir bestimmte Aktionen und Gruppen unterstuetzen, bewegen wir uns auch immer wieder an die Grenzen dessen, was im Netz legal ist. Netzrechtlich ist noch vieles vage oder offen. Contrast.org will die Diskussionen um die Grenzen dessen, was im Netz erlaubt oder verboten ist, vorantreiben. 

(Eveline antwortet:) Wenn Projekte, die wir initiiert haben oder unterstuetzen, vor Gericht landen, so ist dies eine Folge unserer Absicht, mit den Moeglichkeiten und Grenzen des Netzes kreativ zu experimentieren. Wenn man beim Ausloten der Grenzen diese auch einmal ueberschreitet, ist das unvermeidbar. Wenn es dazu kommt, dann zeigt das, dass die Leute wirklich neue Dinge ausprobieren. 

(Nina antwortet:) In Amsterdam kooperiert eine interessante Mischung aus technischen kompetenten (Ex-)Hackern, kritischen Journalisten und Wissenschaftlern bei bestimmten Aktionen wie unlaengst im Falle einer geknackten CD-ROM mit oeffentlichen Informationen ueber Strafverfolgung, Polizeimassnahmen und niederlaendische Politik zur Bekaempfung von organisierter Kriminalitaet und Drogenhandel. Dieser oeffentliche Report war nur als Buch oder CD erhaeltlich, zum stolzen Preis von sechshundert Gulden. Janssen & Janssen entschloss sich, diesen Report ueber das Internet verfuegbar zu machen, kostenlos. Ein Team von Computer-Cracks ermoeglichte es, diesen Plan in einer recht kurzen Zeit umzusetzen. 

Diese Aktion hat einiges Tempo in die Diskussion ueber die freie - auch kostenfreie! - Verbreitung oeffentlicher Regierungsinformationen gebracht. Dem Verlag fuer die Veroeffentlichung von Regierungsinformationen wurde verdeutlicht, dass die Zeit seines profitablen Geschaefts vorbei sein duerften. 

Eine andere Gruppe, die in den Niederlanden von Leuten unterstuetzt wurde, die jetzt zu Contrast.org gehoeren, ist McSpotlight. Das ist eine Gruppe in London, wegen Verteilens kritischer Flugblaetter vor McDonalds-Filialen AErger mit dem Hamburgergiganten bekommen hat. Die juristische Auseinandersetzung waehrt seit zweieinhalb Jahren. Ein Urteil wird in kuerze erwartet. Die Anschuldigungen gegen McDonalds wurden waehrend des Gerichtsverfahrens bestaetigt. Die Website von McSpotlight, die darueber informiert, wurde vorsorglich ausserhalb von England bei einem niederlaendischen Provider untergebracht. 

(Eveline antwortet:) Wir haben den McSpotlights bei technischen und organisatorischen Problemen geholfen. Eines der zentralen Anliegen von Contrast.org ist die Unterstuetzung von Leuten mit guten Ideen und Aktionen wie beispielsweise die McSpotlights. Ihr Server bringt woechentlich neue Informationen, und er bietet Raum fuer Diskussionen zur anti- McDonaldskampagne, in der sich ganz unterschiedliche Leute - Ghandi-Adepten wie auch Chaoten - zu Wort melden und auseinandersetzen. Mit ein bisschen technischem Wissen lassen sich nette Dinge machen, wie zum Beispiel im Fall von McSpotlight ein Rundgang durch die offizielle McDonalds-Website mit parallelen Reiseleiterkommentaren der McSpotlighter auf jeder Seite, was durch den geschickten Einsatz von Frames realisiert wird. 

Die Unterstuetzung der McSpotlights bietet ein gutes Beispiel dafuer, dass Contrast.org mehr ist, als nur ein Asyl. Die Aufnahme anderswo verfolgter Informationen ist nur eine unserer Aktivitaeten. 

(Nina antwortet:) Auch die deutsche Zeitschrift Radikal wurde ueber einen niederlaendischen Provider ins Netz gegeben mit der Hilfe von Leuten, die jetzt bei Contrast.org sind. Die genannten Unterstuetzungsaktionen haben uns auf die Idee gebracht, das alles von einem Ort aus zu organisieren, um die Koordination und Kommunikation zu vereinfachen und zu beschleunigen, technisches und juristisches Fachwissen zu versammeln, als Ansprechpartner da zu sein und die zuvor nichtorganisiert vorhandenen langjaehrigen Erfahrungen und Kompetenzen zu buendeln. 

(Sabine fragt:) Was laeuft bei Contrast.org aktuell? 

(Nina antwortet:) Momentan sind wir, wie auch zahlreiche andere Gruppen und Initiativen in- und ausserhalb Amsterdams, besonders mit Vorbereitungen fuer Aktionen zum Euro-Gipfeltreffen beschaeftigt, der am 16. und 17. Juni 97 in Amsterdam stattfinden wird. Unter anderem soll bei diesem Regierungstreffen eine Revision des Maastricht-Vertrages dahingehend vorgenommen werden, dass das Einstimmigkeitsprinzip aufgehoben und das Vetorecht im Ministerrat abgeschafft werden soll. Wir wenden uns gegen eine Politik, die mittels undurchsichtiger Strukturen hinter verschlossenen Tueren arbeit und auf zunehmende Kontrolle hinwirkt. Waehrend des Gipfels wird ein Viertel der gesamten niederlaendischen Polizei in Amsterdam eingesetzt, ein grosser Teil der Innenstadt zur Sicherheitszone erklaert. Contrast.org wird zum Eurotop-Treffen unter anderem eine kritische Eurostop-Seite auf dem Webserver anbieten mit alternativen Texten und Informationen, zum Beispiel ueber die oeffentliche Zugaenglichkeit von Informationen des Europaeischen Parlaments. 

(Eveline antwortet:) Momentan leidet unsere Arbeit ein bisschen darunter, dass wir so viel um die Ohren haben. Wenn uns Leute unterstuetzen moechten, mitmachen moechten, dann muessen sie dazu nicht in Amsterdam leben. In dieser Unabhaengigkeit liegt einer der grossen Vorteile des Internet. 

http://www.contrast.org/ 

http://www.mcdonalds.com/ 

http://www.mcspotlight.org/

 
 
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